WIR SIND BERLINER
„Ich bin ein Berliner“, sagte John F. Kennedy vor vielen Jahren am Brandenburger Tor. „Wir sind Berliner“, sagen heute etwa dreieinhalb Millionen Menschen, die in der Hauptstadt leben. Es sind nicht nur Menschen, die in Berlin geboren sind, sondern auch viele Menschen, die nach Berlin gekommen sind, weil sie dort Arbeit gefunden haben, ihr Partner dort lebt oder sie sich für das kulturelle Angebot interessieren. Es gibt in Berlin besonders viele Museen, Opern und Theater. Die Menschen, die in Berlin leben, kommen aus allen Teilen Deutschlands oder von noch weiter weg und bringen viele verschiedene Traditionen, Sprachen und Dialekte mit.
Die regionalen Charakteristika zeigen sich besonders gut in der Küche und in bestimmten Lokalen: Im Restaurant „Ständige Vertretung“ treffen sich die Menschen, die aus Köln und dem Rheinland kommen, um Kölsch, das Kölner Bier, zu trinken und über Politik zu diskutieren. Die türkische Gemeinde findet im „Hasir“ ein Stück Heimat. Und im „Spätzle Express“ oder in der „Maultaschenmanufaktur“ treffen sich die Schwaben, weil man wie im Schwabenland isst und es gute Spätzle und Maultaschen gibt. Das ist typisch schwäbisches Essen, schwäbische Pasta. Nicht alle Berliner finden es gut, dass so viele Menschen aus dieser Region nach Berlin gezogen sind. In letzter Zeit gab es Graffiti gegen Schwaben und Süddeutsche. Darauf stand: „Schwaben raus. Wir sind ein Volk. Ihr seid ein anderes.“ Das ist totaler Schwachsinn. Als ob die Schwaben Schuld daran wären, dass die Mieten steigen und Berlin immer teurer wird. Künstler reagierten mit lustigen Aktionen, zum Beispiel haben sie Spätzle regnen lassen und sie wie Konfetti benutzt. Die Schwaben versuchen, ruhig zu bleiben und den Humor nicht zu verlieren, so wie es das Motto der Schwaben sagt: „Wir können alles. Außer Hochdeutsch.“
Jetzt gibt es keine Graffitis mehr gegen die Schwaben. Vielleicht hat man gemerkt, dass eine große Stadt wie Berlin nun mal aus verschiedenen Gruppen besteht. Oder die Maultaschen haben zu gut geschmeckt. Und ich bin mir sicher: Sollten einmal die Berliner in Massen ihre Koffer packen und in Stuttgart nach Arbeit suchen, werden sie ihre Currywurst mitnehmen.
Text bearbeitet und gekürzt aus Presse und Sprache (November 2014)