Teil 2: Verständnis des Textes
HOCHWASSER IN VENEDIG
Ich heiße Paola. Meine erste Begegnung mit Venedig war in den Siebzigerjahren, damals war ich zehn Jahre alt. Meine Familie und ich fuhren mit dem Nachtzug von Mailand nach Wien. Am Abend hielt der Zug für ein paar Stunden in Venedig. Meine Mutter nutzte die Zeit, um mit mir durch die damals noch menschenleeren Straßen bis zum Markusplatz zu spazieren. Diesen ersten Anblick habe ich bis heute nicht vergessen. Vielleicht fahre ich deshalb am liebsten mit dem Zug nach Wien und organisiere es so, dass ich jedes Mal ein paar Stunden Aufenthalt in Venedig habe, um durch die Stadt zu laufen und mit meiner Freundin Giulia einen Kaffee zu trinken.
So war es auch am letzten Montag. Als ich auf dem Weg zu meiner Freundin Giulia war, sah ich Touristen mit bunten Gummistiefeln und Elektriker in Geschäften. Denn das Wasser war in der vergangenen Woche so hoch gestiegen, dass alles, was sich auf Straßenebene befand, überschwemmt wurde. Das Wasser hat sich seinen Weg bis tief in den Markusdom gebahnt.
Meine Freundin Giulia wohnt nicht weit vom Bahnhof, in einer kleinen Wohnung im 3. Stock eines historischen Palazzos. Schäden hat sie keine zu beklagen, trotzdem ist sie verärgert. „Sicher, der Klimawandel ist an diesem Desaster schuld. Aber nicht allein. Schau dir doch mal an, was aus dieser Stadt geworden ist. In jedem noch so kleinen Loch wurde ein Geschäft aufgemacht, ohne jegliche Vorsorge. Aber was soll man machen? Man denkt nur an das Geld.“ Wahrscheinlich hat sie Recht. Man braucht sich nur die großen Kreuzfahrtschiffe, die durch den Canal Grande ziehen, ansehen. Die wird es weiter geben, solange es Touristen und Touristinnen aus dem Ausland gibt, die dafür bezahlen, den Markusplatz vom Schiff zu sehen.
Seit Jahren diskutiert die italienische Politik, ob man die Kreuzfahrtschiffe aus der Stadt verbannen sollte oder nicht. Jahrelang hat man auch darüber debattiert, wie man Venedig und seine Bewohner und Bewohnerinnen vor dem Hochwasser schützt. Erst 20 Jahre nach dem Hochwasser von 1966 wurde aber ein Projekt für ein mobiles Dammsystem bewilligt, 2003 war der erste Stein gelegt. Doch auch danach gingen die Arbeiten nicht schnell voran. Bürokratie, Korruptionsskandale in Millionenhöhe und technische Probleme haben dazu geführt, dass das Projekt am 31. Dezember 2021 fertig sein soll und am 30. Juni 2022 in Funktion treten wird. Wobei sich natürlich die Frage stellt, ob ein Dammsystem, das vor 20 Jahren entworfen wurde, dem jetzigen Klimawandel überhaupt noch standhalten kann. Einige Experten äußern hierzu ihre Bedenken.
Text bearbeitet und gekürzt aus Zeit [online] (20. November 2019)
s Hochwasser: inundació / inundación
r Aufenthalt: estada, aturada / estancia, parada
r Elektriker: electricista
e Straßenebene: nivell de carrer / nivel de calle
überschwemmen: inundar
sich bahnen: obrir-se camí / abrirse camino
r Schaden: dany, perjudici / daño, perjuicio
r Klimawandel: canvi climàtic / cambio climático
jeglich: qualsevol / cualquier
e Vorsorge: previsió / previsión
s Kreuzfahrtschiff: creuer / crucero
verbannen: bandejar, proscriure / desterrar, proscribir
s Dammsystem: sistema de dics / sistema de diques
bewilligen: atorgar, concedir / otorgar, conceder
vorangehen: progressar / progresar
entwerfen: projectar, concebre / proyectar, concebir
standhalten: resistir
s Bedenken: dubte, objecció / duda, reparo