IM LADEN
Martin versuchte der Verkäuferin im kleinen Laden zu erklären, was er wollte. Er sagte „deutsche Unterwäsche" und erklärte noch: „Ich meine, es gibt eine speziell warme Unterwäsche, ich glaube von einer deutschen Firma, ich weiß nicht, ob Sie verstehen, was ich meine, jedenfalls besonders warm –."
Da war ein Schrank mit vielen Schubladen, wie er ihn von Apotheken kannte. Die Verkäuferin öffnete eine Schublade und nahm einige Cellophanpäckchen. „Bitte sehr, meinen Sie das? Unterhemd, lange Unterhose. Hundert Prozent Angora. Und sehen Sie hier, da steht es: Deutsche Qualität. Ich sage Ihnen, diese Produkte sind heißer als die Hölle." Sie lachte. „Oder sagen wir: Sauna! Sie machen eine Reise?"
„Ja, nach Polen."
„Oh. Ich kenne Polen nicht. Aber ich stelle mir vor, das kann man dort brauchen, Polen ist ja fast schon Sibirien." Sie lachte, riss eine Packung auf, breitete eine lange Unterhose vor ihm aus und sagte: „Bitte! Fassen Sie mal hin! Es ist weich und warm, aus dem Fell von einem Kaninchen gemacht, Angora, verstehen Sie? Und aus Deutschland, das heißt: garantiert ohne Tierquälerei. Und sehen Sie hier, das Zertifikat: Die Wäsche entspricht auch schon der neuen Norm der Europäischen Union für Unterwäsche. Sie darf nicht brennbar sein. Denn Angora ist eigentlich, ist ja Kaninchenfell. Das ist natürlich extrem brennbar. Aber jetzt nicht mehr. EU-Norm, verstehen Sie? Vielleicht weil vor allem Raucher diese Unterwäsche kaufen, die müssen ja immer im Freien stehen, in der Kälte. Oder im Bett."
„Im Bett?"
„Ja, wenn Raucher mit einer Zigarette ins Bett gehen und einschlafen –."
„Dann brennt das Bett –."
„Ja, aber diese Unterwäsche nicht. Das ist die neue EU-Norm!"
„Ich glaube es nicht."
„Ich auch nicht", sagte die Verkäuferin.
Text bearbeitet und gekürzt aus Robert MENASSE: Die Hauptstadt.